Heinze Award 2026
Die Notwendigkeit, Gebäude nachhaltig zu planen, zu bauen und zu nutzen, ist unbe-stritten. Wenn es jedoch um die praktische Umsetzung geht, ist Vieles im Fluss. Die Revitalisierung des Brüsseler Gare Maritimes ist ein vorbildliches Beispiel dafür, wie nachhaltiges Bauen gelingen kann. Bei der Gestaltung der neuen Pavillons im Gare Maritime durch Neutelings Riedijk Architects spielte die Zirkularität der verwendeten Materialien eine wesentliche Rolle. Ziel war es, eine Architektur zu schaffen, die nicht nur die historische Struktur respektiert, sondern auch zukunftsweisend in Bezug auf Nachhaltigkeit und Anpassungsfähigkeit ist. Die Entscheidung für eine leichte Stahl-konstruktion für die Fassaden war in diesem doppelten Bestreben verwurzelt. Die ins-gesamt 20 grossflächigen Glasfassaden an den Giebelseiten der Pavillons, jeweils eine Fläche von 215 Quadratmetern, wurden als freitragende, funktional unabhängige und reversible Stahlleichtbaukonstruktion aus dem Stahlsystem Jansen VISS Fassade errichtet.
Einleitung
Der Gare Maritime in Brüssel, erbaut zwischen 1902 und 1908, befindet sich in einer früheren Zollenklave, die der Lagerung und dem Umschlag von Waren diente. Doch so, wie jede Gesellschaft ständigem Wandel unterworfen ist, wandeln sich auch die
Anforderungen an Bauwerke: Seinerzeit Europas grösster Güterbahnhof – das Ensem-ble ist 280 Meter lang, 140 Meter breit, am höchsten Punkt 24 Meter hoch und über-dacht eine Fläche von mehr als 40.000 Quadratmetern – verloren die Frachtabferti-gungshallen mit der Abschaffung der Zölle innerhalb der Europäischen Union ihre Funk-tion und wurden nach und nach aufgelassen.
Quelle: Neutelings Riedijk Architects, Rotterdam
Quelle: Neutelings Riedijk Architects, Rotterda
Das Gebäudeensemble besteht aus drei hohen und vier niedrigeren Hallen, die räumlich miteinander verbunden sind. Seine Transformation hin zu einem modernen urbanen Quartier geschah auf Initiative der Nextensa Group SA, einem Immobilienentwickler mit Schwerpunkt auf Gewerbeimmobilien in Luxemburg und Belgien. Statt Abriss und Neu-bau waren behutsamer Umgang mit der gegebenen Substanz und erhaltende Erneue-rung angesagt, um die charakteristische Atmosphäre, ursprüngliche Monumentalität und Geräumigkeit der historischen Hallen zu bewahren. Die Realisation wurde in zwei Bereiche gegliedert, die sich teilweise sowohl in der Planung als auch in der Ausfüh-rung überschnitten: Ein „work in progress“, der eine enge Abstimmung aller Beteiligten untereinander erforderte. Die Renovierung der Bausubstanz – der Stahlkonstruktion, aller Aussen- und Innenfassaden sowie der Regenwasserableitung – oblag dem Archi-tekturbüro Altstadt (seinerzeit: JDMA Jan de Moffarts Architecten), Brüssel, in Koope-ration mit dem Bureau Bouwtechniek, Antwerpen. Den Ausbau der Hallen mit einer geplanten Nutzfläche von ca. 45.000 Quadratmeter verantworteten Neutelings Riedijk Architects, Rotterdam, wiederrum gemeinsam mit dem Bureau Bouwtechniek.
Entwurfsprämissen
Eine Entwurfsprämisse von Neutelings Riedijk Architects war es, sämtliche Einbauten in das riesige Hallenvorlumen reversibel zu gestalten. Damit entsprachen die Architek-ten den Vorgaben von Brussels Environment (IBGE), einer kommunalen Behörde, die für Umwelt- und Energiefragen in der Region Brüssel-Hauptstadt zuständig ist; unter anderem obliegt IBGE die Entwicklung und Förderung ökologisch nachhaltigen Bau-ens. Für bestimmte Bauvorhaben in der Region Brüssel-Hauptstadt – und die Revitalisierung des Gare Maritime zählte dazu – ist die vorherige Genehmigung des IBGE unabdingbar. Diese Genehmigung bestätigt sowohl die Einhaltung der im GTB Innovationszentrum definierten Nachhaltigkeitsstandards als auch die Einhaltung der Umweltvorschriften (mögliche Belastung der Umwelt und der Nachbarschaft durch die Baustelle) und ist unabhängig von der Baugenehmigung einzuholen.
Reversible Pavillons aus Holz, Glas und Stahlprofilen
Mit Rücksicht auf die historische Konstruktion blieben die Hallen in ihrer Grundstruk-tur erhalten – Arbeitsräume, Läden und Gastronomie beherbergen insgesamt zwölf Pavillons, die Neutelings Riedijk Architects in das grossräumige Volumen einfügten – sofern man bei einem vierstöckigen Gebäude über einer Grundfläche von ca. 900 Quadratmetern noch von einem „Pavillon“ sprechen kann. Jeweils fünf dieser Pavil-lons sind entlang der Ost- und Westfassaden der äusseren grossen Hallen angeordnet und über skulptural anmutende Holztreppen miteinander verbunden. Zwei kleinere Pavil-lons befinden sich am südlichen Giebel.
Freitragende, reversible Stahlfassaden
„Während die Haupttragstruktur der Pavillons aus Holz besteht, haben wir uns bei der Fassade für schlanke Stahlprofile entschieden, um maximale Transparenz, Präzision und Demontage zu gewährleisten“, erläutern die Architekten. „Stahl bot das erfor-derliche Verhältnis von Festigkeit und Gewicht, um hohe und offene Fassaden mit mi-nimaler Tragstruktur zu schaffen, so dass Tageslicht grosszügig und tief in die Innen-räume eindringen kann, während der Rhythmus und der Massstab der ursprünglichen Stahlhalle erhalten bleiben.“ Die insgesamt 20 grossflächigen Glasfassaden an den Giebelseiten der Pavillons, jeweils eine Fläche von 215 Quadratmetern, wurden als freitragende, funktional unabhängige und reversible Stahlleichtbaukonstruktion errichtet. Die Architekten entschieden sich für das hochwärmedämmende Stahlprofilsystem Jansen VISS, das teils in Kombination mit VISS Basic für trägerunabhängige Fassaden-konstruktionen zur Anwendung kam. „Das VISS Fassadensystem wurde aufgrund sei-ner architektonischen Klarheit, seiner technischen Leistungsfähigkeit und seines hohen Wiederverwendungspotenzials ausgewählt“, so die Architekten. „Seine trockenen, mechanischen Verbindungen ermöglichen eine einfache Demontage und Wiederver-wendung, während seine thermischen und akustischen Eigenschaften den anspruchs-vollen Komfortstandards moderner Büro- und Einzelhandelsumgebungen entsprechen. Des Weiteren tragen die Modularität des Systems und die raffinierte Verbindungstech-nik auch zu einer kohärenten Architektursprache im Dialog mit der historischen Halle bei.“ In diesem Sinne ist die Stahlfassade nicht nur eine technische Lösung, sondern ein architektonisches Statement – eine sorgfältige Balance zwischen Eleganz, Leistung und Reversibilität.
Da die historische Konstruktion unter keinen Umständen belastet werden durfte, ruht die Vorhangfassade auf den Deckenbalken des 2. OG. Im 3. OG ist sie an die Ge-schossdecke angebunden und darüber hinaus mittels Druckstäben an nur noch zwei Punkten des Pavillons befestigt. Für die notwendige Stabilität der Vorhangfassade sorgen Rücksprünge in den Eckbereichen und leicht nach innen versetzte Eingänge.
Schema / Position der Lastabtragung auf den Deckenbalken des 2. OG
Quelle: Toon Grobet / Jansen AG
Der Rücksprung erhöht die Stabilität der freitragenden Pfosten-Riegelfassade (Aussenansicht)
Quelle: Tim Fisher / Jansen AG
Position der beiden Druckstäbe, mittels derer die Pfosten-Riegelfassade angebunden ist.
Detail horizontale Anbindung; deutlich zu erkennen ist die klare Trennung von Pfosten-Riegelfassade und historischer Konstruktion
Quelle: Tim Fisher / Jansen AG
Die Besonderheit der Pfosten-Riegelkonstruktion liegt in der Verbindung der Pfosten untereinander mittels einhängbarer Riegel: Sie sind lediglich an den Rücksprüngen in den Eckbereichen geschweisst, ansonsten teils gesteckt, teils verschraubt ausgeführt, um Dilatationen in den Riegelanschlüssen aufnehmen zu können. Diese sind aufgrund der grossen, öffenbaren Oberlichter im Hallendach, an das die Pfosten-Riegelfassade mit einer EPDM-Dichtung anschliesst, zu erwarten: Rein rechnerisch dehnt das Dach sich in Längsrichtung um etwa 11 cm aus, bewegt sich aber auch in vertikaler Rich-tung. Deshalb verfügt die Fassadenkonstruktion sowohl an der Aussen- als auch an der Innenseite an ihrem oberen Abschluss über eine eigens entwickelte elastische Dich-tung, die diese Ausdehnungen aufnehmen kann. Diese objektspezifisch gestaltete Ver-bindung der Innenfassade mit der Dachkonstruktion ist zudem wärme-, schall- und brandschutztechnisch geprüft und freigegeben.
Stahl: Früher wie heute eine gute Wahl
Entstanden ist eine freitragende, funktional unabhängige sowie reversible Fassade nach dem Stand der Technik, wie sie nur mit Stahlprofilen möglich ist – und zudem den Vorstellungen der Architekten von einer leichten und filigranen Konstruktion voll-kommenentspricht. Dass auch die originalen die Fassaden mit Stahlprofilen errichtet worden waren, war ein zusätzliches Argument. Leider waren weite Teile dieser Indust-rieverglasungen im Lauf der Zeit durch Bleche ersetzt worden – ein Provisorium, das nunmehr behoben wurde: Die Ost- und Westfassade der hohen Hallen wurde in den Bereichen, in denen die Pavillons an sie anschliessen, ebenfalls mit dem Stahlprofil-system Jansen VISS erneuert. Sensorgesteuert dimmbare Dreifach-Isoliergläser mit Low-e -Beschichtung schützen die Büros an der Westfassade vor allzu viel Son-neneinstrahlung. Öffenbare Flügel aus dem Türprofilsystem Janisol ermöglichen den Ausstieg auf die Dachfläche der niedrigeren Hallen.
Die Ost- und Westfassaden der hohen Hallen wurde in den Bereichen, in denen die Pavillons anschlies-sen, ebenfalls mit dem Stahlprofilsystem Jansen VISS erneuert.
Quelle: Tim Fisher / Jansen AG
Schema / Detail vertikale Anbindung an die historische Fassade
Quelle: Toon Grobet / Lootens Deinze / Jansen AG
Reversibles Bauen mit T-Verbindern
Das Vorhangfassadensystem Jansen VISS gibt es seit mehr als einem halben Jahr-hundert. Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Arten „trockener“ T-Verbindungen für dieses System entwickelt. Je nach Typ ermöglichen es diese Verbindungen, dass die Fassadenelemente mehr oder weniger leicht von der Tragstruktur des Gebäudes gelöst werden können. Grundsätzlich kann eine Vorhangfassade aus dem Stahlsystem Jan-sen VISS geschweisst, verschraubt oder gesteckt werden; eine Kombination der Ferti-gungsweisen ist ebenfalls möglich. Schweisskonstruktionen bieten die Möglichkeit systematischer Vorfertigung auch grossflächiger Fassaden und Dachverglasungen in der Werkstatt. Hier können selbst komplizierte Elemente und ausgefallene Formen präzise hergestellt werden. Reversible Konstruktionen, verschraubt oder gesteckt oder eine Kombination von beidem, lassen sich mit T-Verbindern schnell und sicher ferti-gen. Im Fall der Glasfassaden der Pavillons entschied man sich für eine Kombination aus geschweissten (für die nötige Stabilität) und teils gesteckt, teils verschraubten Pfosten und Riegeln. Alle Profile wurden bereits in der Werkstatt mit Dichtungen und Befestigungsschrauben versehen, um das Glas vor Ort aufzunehmen.
Detail einer VISS Pfosten-Riegelfassade mit universellem T-Verbinder, der eine zerstörungsfreie Demon-tage ermöglicht.
Quelle: Tim Fisher / Jansen AG
VISS Fassadenkonstruktion in Rahmenbauweise mit geschweissten Riegeln.
VISS Fassadenkonstruktion in Steckbauweise mit universellen T-Verbindern.
VISS Fassadenkonstruktion in Steckbauweise mit einhängbaren Schwerlast T-Verbindern.
Quelle: Jansen AG
Links: VISS Fassadenkonstruktion in Steckbauweise; rechts: Rahmenbauweise geschweisst in Kombi-nation mit Steckbauweise.
Demontage und Wiederaufbau an anderer Stelle
Eine heute gängige Definition des Begriffs „Nachhaltigkeit“ findet sich im bereits 1987 veröffentlichten Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Bedürfnis-befriedigung zukünftiger Generationen zu gefährden.“ Demnach bedeutet Nachhaltig-keit im Bauwesen, Baustoffe so einzusetzen und Bauwerke so zu entwerfen, dass das Material nach einem nutzbringenden Lebenszyklus für etwas Neues zur Verfügung steht. Dass das bei den Pavillon-Fassaden tatsächlich der Fall ist, demonstrierte die Schweizer Jansen AG anhand des Fassaden-Mock-ups: Gemeinsam mit den Architek-ten und dem Fassadenbauer wurden alle für die Demontage des Vorhangfassadensys-tems erforderlichen Schritte ausgeführt und die einzelnen Bestandteile des Mock-ups, wenn auch etwas verkürzt, in einem Bürogebäude in Leiden/Niederlande wieder einge-baut. Das zeigt: Das Wiederverwendungspotenzial von Stahlprofilen kann insbesondere dann voll ausgeschöpft werden, wenn die Wiederverwendung bereits in der Entwurfs-phase berücksichtigt wird.
Links: Rückbau des Fassaden Mock-ups; rechts: Zwischenlagerung
Wiederverwendung der Fassadenprofile des Mock-ups für die Fassade eines Bürogebäudes in Leiden.
(De-)Montagehierarchie und Lebenszykluskoordination
Bei dem Stahlfassadensystem Jansen VISS wird eine Montagehierarchie angewandt, die auf der Theorie von Stewart Brand basiert . Demnach besteht ein Gebäude aus mehreren Schichten von Komponenten, die jeweils unterschiedlichen Nutzungs- und Erneuerungszeiträumen unterliegen. Während die grundlegende Form und Gestalt eines Gebäudes über 30, 50 oder – wie in diesem Fall – mehr als 100 Jahre unverän-dert bleibt, gibt es bei einzelnen Schichten, beispielsweise der Fassade, vielleicht schon nach rund 20, 30 Jahren einen Bedarf an Instandsetzung oder Erneuerung. Folg-lich müssen diese Schichten funktional unabhängig voneinander montiert sein. Dieser Ansatz erfordert eine neue Art des Entwerfens, die sich stärker auf die zukünftige fle-xible Nutzung eines Gebäudes konzentriert und die Neutelings Riedijk Architects bei der Revitalisierung des Gare Maritime bemerkenswert durchgängig angewendet haben. Für Brussels Environment ist das Projekt ein „vorbildliches Beispiel für nachhalti-ges Bauen mit Stahlsystemen“, so die Pressestelle auf Anfrage. Nicht zuletzt des-halb wird die Demontage des Fassaden Mock-ups und die Wiederverwendung der Stahlprofile bei dem Bürogebäude in Leiden auf der Website des IBGE ausführlich dar-gestellt.
Vielfach ausgezeichnetes Projekt
Behutsamer Umgang mit der gegebenen Substanz und erhaltende Erneuerung charak-terisieren die Revitalisierung des Gare Maritime. Bei der Transformation der einstigen Frachtabfertigungshallen zu einem modernen urbanen Quartier ist es Neutelings Riedijk Architects gelungen, die scheinbar gegensätzlichen Anforderungen von Bewahrung und Erneuerung dem Zeitgeist entsprechend miteinander in Einklang zu bringen. Nicht zu-letzt deshalb wurde das Projekt mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Neben dem Belgischen Architekturpreis in der Kategorie „Gewerbebauten“ hat der Gare Maritime den niederländischen Architekturpreis ARC20, den belgischen Holzbaupreis, den Euro-pa Nostra Heritage Award sowie den RES Development Award gewonnen, um nur eini-ge zu nennen. Nominiert wurde er für die MIPIM Awards, die Uli Awards und den Mies van der Rohe Award. Das zeigt: Historische Bausubstanz, gepaart mit einem innovati-ven Architekturkonzept, kommt gut an. Entstanden ist ein urbaner Raum von hoher Aufenthaltsqualität, der von Nutzern und Besuchern gleichermassen begeistert ange-nommen wird.
Bautafel
| Bauherr | Nextensa Group, Brüssel |
| Architekt | Renovierung der Bausubstanz, Aussen- und Innenfassaden: Bureau Altstadt (vormals JDMA Jan de Moffarts Architecten), Brüssel, mit Bureau Bouwtechniek, Antwerpen Ausbau der Hallen: Neutelings Riedijk Architects, Rotterdam mit Bureau Bouwtechniek, Antwerpen |
| Metallbau | Pavillonfassaden: Lootens Deinze NV, Deinze Ost- und Westfassaden: CS Raamconstructies, Weelde (Ravels) und Lootens Deinze NV, Deinze |
| Verwendete Profilsysteme | VISS Fassade, VISS Basic und Janisol Türsystem |
| Systemlieferant | Jansen AG, Oberriet/CH |