Sanierung am lebenden Objekt

Funktion oder Ästhetik?

Die Spuren der Zeit verwischen oder einem Ideal näher kommen? Die Plastische Chirurgie ist vielen Menschen durch das Thema „Schönheitschirurgie“ bekannt. Doch die Sanierung von Strukturen und Proportionen hat häufig vorrangig funktionale Ziele. Das zeigt ein Gespräch mit Jan Plock, einem Facharzt für Plastische und Wiederherstellungschirurgie.
Herr Professor Plock, inwieweit würden Sie im Zusammenhang mit Ihrer Arbeit von „Sanierung“ sprechen?

Jan Plock: Dazu kann man eigentlich beim Begriff „Sanierung“ selbst bleiben. Er kommt ja vom lateinischen Begriff sanare für heilen und wiederherstellen. Demnach trifft Sanierung die Arbeit eines plastischen Chirurgen auch recht gut. Das Heilen und Wiederherstellen steht im Zentrum der plastischen Chirurgie.

Was genau stellt ein plastischer Chirurg wieder her?

Tatsächlich ist die plastische Chirurgie ein sehr weites Feld. Gebräuchlich ist die Aufteilung in die beiden Bereiche „ästhetische“ und „rekonstruktive“ Chirurgie. Die sogenannte rekonstruktive Chirurgie befasst sich mit der Wiederherstellung von verlorengegangenen Strukturen oder Funktionen des Körpers, zum Beispiel nach Unfällen, Verbrennungen oder der Entfernung von Tumoren, aber auch bei angeborenen Defekten. Das betrifft beispielsweise Nerven- und Muskeldefekte, aber auch die Körperform, das Erscheinungsbild. Die Ästhetische Chirurgie dient der Korrektur von sogenannten Formstörungen – wobei Störungen auch sehr individuell empfunden werden können. Meiner Erfahrung nach lassen sich die beiden Bereiche aber nicht so klar voneinander trennen. 

Heisst das, Ästhetik und Funktion sind beim menschlichen Körper nicht trennbar?

Nur schwer, Form und Funktion liegen hier eng beieinander. Im Englischen spricht man ja gerne von „form follows function“. Beispielsweise behandle ich in meinem Berufsalltag Menschen mit schwersten Verbrennungen. Bei ihnen geht es in der Regel zunächst darum, die lebenserhaltenden Funktionen von Haut und Weichteilen zu gewährleisten. Wenn die Körperoberfläche – also die Haut – geheilt ist, kann es im nächsten Schritt darum gehen, das Erscheinungsbild von Narben zu verbessern.

Dabei geht es dann um die Optik?


Durchaus, aber auf der Basis einer bestmöglichen Funktionalität. Vernarbte Haut beispielsweise kann die Beweglichkeit einer Hand, der Beine oder des Gesichts massiv einschränken. Mit chirurgischen Eingriffen sollen die Betroffenen primär über eine Verbesserung der Funktion vor allem ihre Selbständigkeit wiedererlangen.


Bei Vernarbungen sichtbarer Körperpartien wie den Händen und dem Gesicht reicht dieser Aspekt aber auch klar in den ästhetischen Bereich hinein. Schliesslich soll auch das Erscheinungsbild eines durch Feuer, Krankheit oder Unfall entstellten Menschen bestmöglich wiederhergestellt werden.

Demnach hat auch die Attraktivität letztlich eine Funktion?

Die Attraktivität eines Menschen setzt sich aus viel mehr Aspekten als der Optik zusammen. Was die betrifft, empfinden wir zum Beispiel Symmetrie als schön. Symmetrie „funktioniert“ eben in vielen Bereichen auch sehr gut und erscheint in Bezug auf den Körper daher als gesund. Deshalb spricht es uns wohl auch besonders an. Grundsätzlich hat aber das Erscheinungsbild eine klare soziale Funktion. Wie jeder Einzelne das interpretiert, ist sehr individuell. Nicht alles ist sinnvoll und für jeden empfehlenswert – selbst wenn es machbar ist.

Zum Stichwort Machbarkeit – Medizin und Technik machen fortwährend rasante Fortschritte. Wie werden Ärzte diesen Entwicklungen und den Ansprüchen an hochspezialisierte Leistungen gerecht?

Hier spielt die Kooperationsbereitschaft eine grosse Rolle. Die zunehmende Spezialisierung kann nur dann fruchtbar sein, wenn das Wissen, das sich auf einzelne verteilt, wieder gebündelt wird. Dazu kommen die Forschungsaktivitäten an den Universitäten. Was die plastische Chirurgie betrifft, finden diese unter anderem im Bereich der regenerativen Medizin statt, wie in der Hautersatzforschung und Wundbehandlung. Es kommt hier auch darauf an, neue Technologien zu implementieren – wie beispielsweise die Robotik – und für eine wissenschaftliche Datenlage zu sorgen. Zuletzt aber muss all das ökonomisch vereinbar bleiben.

Wohin entwickelt sich die plastische Chirurgie?

Wir nehmen eine zunehmende Spezialisierung wahr. Auf der einen Seite gibt es plastische Chirurgen, die sich zum Beispiel auf die Wiederherstellung der Brust nach einer Brustkrebsbehandlung fokussieren. Auf der anderen Seite werden auch personalisierte Behandlungskonzepte auf der Patientenseite, beispielsweise durch individuelle genetische oder seltene gesundheitliche Voraussetzungen, eine immer grössere Rolle spielen.

Prof. Dr. med. Jan Plock leitet das Zentrum für Brandverletzte am Universitätsspital Zürich (USZ). Er ist Facharzt für Plastische Chirurgie und Handchirurgie. Seine Aus- und Weiterbildung absolvierte er in der Schweiz, Deutschland und den USA. Daneben ist er Forscher im Bereich Rekonstruktive Chirurgie und unterhält ein internationales Forschungsnetzwerk. Seit 2017 ist er Assistenzprofessor an der Universität Zürich.
Bildquelle: Conzept-B, Zürich